Franz Josef Strauß: „Ich müsste Strauß eigentlich dankbar sein“ | ZEIT ONLINE

„Ich müsste Strauß eigentlich dankbar sein“

Brillanter Redner, streitbar, mit Haltung: Die Grünen-Politikerin Claudia Roth erinnert sich trotz aller Affären an die guten Seiten von Franz Josef Strauß. EIN GASTBEITRAG VON CLAUDIA ROTH

4. September 2015  09:01 Uhr

Kanzlerkandidat Helmut Kohl (l.) mit Franz Josef Strauß auf dem CSU-Parteitag am 28. September 1979   |  © Keystone/Getty Images

Fast konnte man meinen, der Geist von Franz Josef Strauß wirke immer noch in den Gängen einiger Bundesbehörden nach, als passend zu seinem 100. Geburtstag wieder gegen Journalisten wegen Landesverrats ermittelt wurde. Gut für die Pressefreiheit ist, dass die Ermittlungen 2015 gegen die Blogger vonnetzpolitik.org genauso eingestellt wurden, wie die Verfahren 1962 gegen die Journalisten vom Spiegel. Strauß ist damals zum Sinnbild für den deutschen Frontalangriff auf die Pressefreiheit geworden. Sein daraus zwingend notwendiger Rücktritt war auch ein Ausdruck der Selbstheilungskräfte der noch jungen deutschen Demokratie seinerzeit. Sie hat in jenen Tagen also wohl mehr durch das Agieren von Strauß gewonnen, als dank seiner Politik.

Claudia Roth

CLAUDIA ROTH© Fabian Bimmer/Reuters MdB, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

Wenn ich nach Strauß gefragt werde, fallen mir zuerst diese und weitere seiner Affären ein, sein Machtmissbrauch und zuletzt auch immer mehr seine offensichtliche Anfälligkeit für Korruption. Aber er hat auch vieles geleistet für sein Bayern und ein bisschen auch für die Bundesrepublik. Franz Josef Strauß hat in vielerlei Hinsicht Geschichte gemacht. Zu seinem 100. Geburtstag muss das gewürdigt werden, so oder so. Eine staatlich organisierte Verklärung wie sie die CSU derzeit betreibt, die ihren ehemaligen Parteivorsitzenden fast zu einem Heiligen erhebt, erinnern allerdings mehr an Autokratien, die ihre vergangenen Führer überhöhen, denn an wirklichkeitsnahe Erinnerung.

Ich persönlich müsste Franz Josef Strauß eigentlich dankbar sein. Er war es, der den zivilen Widerstand im Bayern der 1960er und 1970er Jahre erst so richtig provozierte – und damit auch meinen ganz persönlichen. Strauß war für viele zu Recht der Repräsentant für jenes bleierne Deutschland, das sich gegen die gesellschaftliche Erneuerung dieser Jahre stemmte. Ich erinnere mich noch gut, wie ich als Jugendliche manchmal stundenlang mit meinem Vater, einem überzeugten Spiegel-Leser, am Küchentisch gesessen und darüber diskutiert habe, wenn Strauß mal wieder gegen den Osten polemisierte oder Journalisten öffentlich als „Schmierfinken“ betitelte. Am nachhaltigsten in Erinnerung ist mir jedoch geblieben, wie er die linke Künstler- und Intellektuellenszene als „Ratten und Schmeißfliegen“ diffamierte. Da habe ich mir gedacht: Das ist nicht meine Politik, das ist nicht mein Bayern! In dieser Zeit habe ich gelernt, aufzustehen und mich nicht einschüchtern zu lassen, auch wenn der Gegenwind noch so stark und die Widerstände noch so heftig sind.

Aber er war eben auch ein Mann mit unerschütterlichen Gewissheiten und einer Haltung, für die er bedingungslos eingetreten ist und dabei mit Standhaftigkeit agiert hat. Strauß hat polarisiert in einem Maße, wie kaum ein anderer und wie es heute immer weniger Politiker tun. Strauß war ein Mann der klaren Worte, auch das eine Eigenschaft, nach der man in der Politik manchmal lange suchen muss. Strauß war ein leidenschaftlicher und teils brillanter Redner, wie es ihn nur selten gibt. Er war in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Er war sicher kein Schleimer oder Opportunist, auch wenn wir heute relativ sicher wissen, dass er viel Schmierstoff gebraucht hat, um seine Netzwerke am Laufen zu halten. Die Frage ist, ob ein Politiker, ein Charakter wie Strauß in der heutigen Mediendemokratie noch erfolgreich funktionieren würde. Vermutlich nicht. Schon damals galt er vielen – mich eingeschlossen – als blanke Zumutung. In der heutigen, oftmals glatt geschliffenen öffentlichen Auseinandersetzung wäre er wohl endgültig nicht mehr wettbewerbsfähig.

Er hat vieles erreicht in seinen verschiedenen Ministerämtern und vor allem als „Landesübervater“, auch wenn es für ihn zum Kanzler nicht gereicht hat. Aber Strauß legte eben auch ein mehr als zweifelhaftes Demokratie- und Rechtsverständnis an den Tag. Abschließend muss man sagen, dass er wie kaum ein anderer zugleich Produkt und Botschafter einer Zeit – seiner Zeit – war, die durch die Neuartigkeit der Bewegungen der 68er überholt wurde. Dass heute ein Flughafen nach ihm benannt ist, halte ich aufgrund seiner zahlreichen rechtlichen und moralischen Entgleisungen für unwürdig. Richtig finde ich, dass die Opposition im Bayerischen Landtag nicht Teil seiner götzenähnlichen Huldigung sein will. Franz Josef Strauß spaltet bis heute die Gemüter und regt politische Debatten an. In diesem Sinne ist die deutsche Demokratie reicher geworden, weil es Strauß gab. Aber eben genau im gegenteiligen Sinne zu dem, wofür er stand und auch einstand.

Quelle: Franz Josef Strauß: „Ich müsste Strauß eigentlich dankbar sein“ | ZEIT ONLINE

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